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Europa muss die erste „Time Machine“ bauen

Die neue historische Dimension des Internets

In den letzten zwanzig Jahren haben sich das Internet und seine Dienste weitgehend entwickelt, ohne dass der Dimension der Historizität hinreichend Rechnung getragen worden wäre. Das Internet präsentiert uns ein "Big Now", das durch eine immense, sich ständig erneuernde und erweiternde Datendichte charakterisiert ist. Big-Data verspricht uns dabei eine Gesellschaft, die Dank der Rechenleistung von Supercomputern und der massiven Datenerfassung die Zukunft voraussehen kann. Doch das britische Referendum über den Austritt aus der Europäische Union wie die US-Präsidentschaftswahlen haben demonstriert, auf welch unsicherem Fundament derartige Prognosen stehen können. Bar jeder historischen Tiefendimension und allein auf den Herzschlag der Gegenwart fokussiert, der als Datenfluss analysiert wird, haben die von Algorithmen generierten Voraussagen ihre inhärente Begrenzung demonstriert: Ohne Zugriff auf die Vergangenheit bleibt die Gegenwart unverstanden. Die Dimension der Vergangenheit kann nicht länger ignoriert werden. Die Gegenwart – digital, immens dicht an Daten und im Sekundentakt dokumentiert – ist bereits das Archiv ihrer eigenen Zukunft. Falls Facebook in 50 Jahren noch existieren sollte, wird es die Leben von Millionen verstorbener Menschen dokumentieren. Sollte Google in 50 Jahren noch existieren, so wird sich die Suchmaschine von heute in ihrem Datenbestand weitgehend in ein Archiv des Internets wie unserer eigenen Texte von früher verwandelt haben. Was heute unsere täglichen Transaktionen ermöglicht, wird dabei morgen ein privatwirtschaftlich betriebenes Repositorium sein, das bestimmt, was als unser kulturelles Erbe gilt. Wollen wir das? Wollen und sollen Facebook und Google diese Rolle übernehmen?

Was heute mit der Ablösung bisheriger Suchmaschinentechnologie und der Entwicklung neuer Verfahren zur Indexierung von Informationen einsetzt, ist eine zweite Internetrevolution. Eine zentrale Herausforderung ist dabei, die Dimension der Zeit so navigierbar zu machen, wie wir dies mit der Dimension des Raumes bereits können, und die in der Vergangenheit generierte Datenmenge für den Blick in die Zukunft nutzbar zu machen. Dabei geht es nicht einfach nur darum, den Stand der gegenwärtigen, von digitaler Technologie geprägten Welt für ein paar Jahre zu dokumentieren. Gefordert ist vielmehr, die große Kluft zu überwinden, die unsere gegenwärtige Ära der globalisierten Information schon heute von jener der vorangehenden, vor dem Computerzeitalter liegenden Welten trennt.

Aktuelle Entwicklungen in der Robotik, der künstlichen Intelligenz, der Elektrotechnik und der Physik machen es erstmal möglich, das Projekt einer Infrastruktur anzugehen, mit der unser mehr als tausendjähriges kulturelles Erbe europaweit digitalisiert, analysiert und rekonstruiert werden kann. Dazu sind tausende Kilometer an Archivmaterialien zu erfassen, Milliarden Seiten zu transkribieren, hunderte von Städten in Form von Modellen nachzubilden – all diese Elemente bilden neben vielen anderen dann die Knotenpunkte des riesigen Netzwerks unserer kollektiven Vergangenheit. Diese immensen kulturellen Datenmengen zu mobilisieren und zu vernetzen bedeutet allerdings eine profunde informationswissenschaftliche Herausforderung. Es geht dabei für Europa nicht nur darum, das kollektive kulturelle Erbe von heute als „big data of the past“ darzustellen. Es geht zugleich darum, einen technologisch und konzeptionell zu garantieren, dass diese gemeinsame kulturelle Datenressource auch in Zukunft in frei zugänglicher und offener Form stetig erweitert und erforscht werden kann.

Big Data der Vergangenheit

Europa ist heute bestens positioniert, um den sich abzeichnenden Paradigmenwechsel des Mediums Internet erfolgreich umzusetzen. Hier ist das Know-how vorhanden, um eine internationale Gemeinschaft von Forschern eine ‚Zeitmaschine‘ neuer Art bauen zu lassen: ein CERN für raum-zeitliche Kulturdaten. Auf einer multiskalaren Architektur basierend, integriert diese „Time Machine“ die vier Dimensionen von Raum und Zeit und ermöglicht damit die Entwicklung neuer Methoden der Kalkulation, der Simulation und der Vorhersage. In Fortschreibung der großen Programme zur Digitalisierung des Kulturerbes wird so die kontinuierliche Erweiterung der digital erfassten Vergangenheitsdimension ermöglicht. Indem wir die Vergangenheit in Form eines stetig tiefer vernetzten Informationssystems modellieren, dokumentieren wir nicht mehr allein unser kulturelles Erbe, sondern auch das der historischen ökonomischen, wissenschaftlichen und technologischen Errungenschaften und Prozesse europäischer Gesellschaften. Als Quelle einer neuen Art von Wissen mit zeitlicher Tiefendimension wird das Wissenssystem der „Time Machine“ zudem ökonomische Impulse liefern, die etwa zur Ausformung neuer Berufsarten, Typen von Dienstleistungen und Produkten führen können. Dieser Effekt wird sich entlang dreier Achsen einstellen: der des Bedarfs an schnellem Zugriff auf eine bislang ignorierte Menge an historischen Dokumenten; der der Herausforderungen, die aus der Modellierung von raum-zeitlichen Phänomenen im sehr großen Maßstab resultieren; schließlich jener der Strukturierung und Auswertung einer riesigen virtuellen Domäne, die mit Simulationstechnologien produziert werden soll.

Zugang zu Dokumenten der Vergangenheit

Wie sähe die Welt aus, wenn wir auf Dokumente der Vergangenheit ebenso leicht zugreifen könnten wie auf die Daten der Gegenwart? Dank neuartiger Suchmaschinen wird es zum ersten Mal möglich sein, alle Dokumente zu finden, die mit dem Namen einer Person oder eines Ortes in Archiven assoziiert sind, die ihrerseits tausende von Jahren an Dokumentation enthalten. Dank der Massendigitalisierung von Archiven und Geburtsurkunden werden wir nicht nur komplexe Stammbäume mit den fernsten Verzweigungen, sondern auch die sozialen Netzwerke unserer Vorfahren rekonstruieren können. Gerade für die kreativen Berufsfelder stellt dies eine unerschöpfliche Inspirationsquelle dar: Formen und Mustern der Vergangenheit können jetzt direkt erkundet werden. Ein einfaches Smartphone z.B. ermöglicht es zu sehen, wie ein Gebäude vor 50, 100 oder 500 Jahren ausgesehen hat und verwandelt die Straße, auf der man gerade steht, in ein in-situ-Sprungbrett in die Vergangenheit. 600 Millionen Touristen besuchen Europa jährlich – für jeden dieser Besucher und an jedem besuchten Ort würde dieses Besuchserlebnis eine völlig neue Qualität annehmen.

Neue Modelle zur Einbeziehung der Vergangenheit

Allein die Masse an hinzukommenden historischen Daten ermöglicht bereits die Entwicklung neuer interpretativer Modelle im großen Stil. So können etwa Epidemologen die Ausbreitung von Krankheiten auf der Grundlage großer Mengen von Sterbeurkunden anders verstehen. Ökonomen werden die Dynamik der ersten Jahrhunderte des Kapitalismus, die Geschichte von Wachstum und Krisen sowie die Strukturierung der Finanzbehörden auf europäischer Ebene re-interpretieren können. Die Jahr für Jahr, Monat für Monat erfassten Aufzeichnungen über Ernten, Erträge und den Bestand an Nutztieren ermöglicht neue Modellierungen der Klimageschichte sein. Die präzisen Verläufe der Ströme von Migration, Handel und Kunst, die in Archivdokumenten dokumentiert wurden, können in Form einer umfassenden europäischen Verkehrsmodellierung betrachtet werden. Alle diese Modelle werden nach und nach zentrale Werkzeuge für unsere Entscheidungs- und Planungsprozesse werden und damit zu wichtigen Partnern, um die Komplexität des 21. Jahrhunderts prognostisch bewältigen zu können. Die Möglichkeit, die historische Tiefendimension in unsere Prognosen einzubeziehen, wird nachhaltigen Einfluss auf die gesellschaftlichen Bereiche Bildung, Gesundheit, Wirtschaft, Justiz, Industrie, Umwelt etc. nehmen.

Aneignung der Vergangenheit

Die mit der „Time Machine“ auf neue Weise zugänglich gemachte Vergangenheit ist dabei mehr als nur eine Masse von Dokumenten und eine Sammlung von abstrakten Modellen: Sie ist auch ein neuer Erfahrungsraum, denn Simulations- und Virtual Reality-Technologien ermöglichen auch ein komplettes Eintauchen in verschwundene Orte. Fortschritte in der KI ermöglichen es uns dabei heute, undokumentierte Bereiche und Bewegungsmuster von Akteuren inferenzbasiert aus historischen Daten zu generieren und als virtuelle Texturen aufzubauen. Diese Welt der „hypothetischen Vergangenheiten“ wird zunächst von der Unterhaltungs- und Tourismusindustrie benutzt werden; ihre kulturellen Auswirkungen sind allerdings erheblich weitreichender. Wie viele andere existierende und konstruierbare virtuelle Welten, die heute von Millionen von Nutzern bewohnt werden, werden die Gebiete der virtuellen Vergangenheit mittelfristig auch den Charakter eines intensiven sozialen und wirtschaftlichen Begegnungsraumes annehmen. Dies eröffnet die einzigartige Gelegenheit, die Vergangenheit zur erlebten Gegenwart zu machen, indem man sie mit einer emotionalen und intimen Dimension anreichert. Schon morgen könnten wir alle dadurch zu „Zeitreisenden“ werden – und damit ein grundlegend anderes Verhältnis zu unserer Gegenwart gewinnen.

Eine Chance für Europa

Was bislang inhaltlich skizziert wurde, ist mit mehreren Prototypen bereits in allen Dimensionen praktisch umgesetzt worden. So werden z.B. in Venedig entlang eines kontinuierlichen Workflows Archivdokumente analysiert, die einen Zeitraum von über 1000 Jahren abdecken. Dabei werden Informationen über Personen und Orte extrahiert und raum-zeitlich vernetzt, um so eine Art ‚Facebook der Vergangenheit‘ zu konstruieren. In Amsterdam werden unter Verwendung industrieller Verfahren zur Restauration von Dokumenten jeden Tag 15.000 Seiten amtlicher Register digitalisiert. In Österreich, Deutschland, Spanien und Griechenland kooperieren Forscher bei der Entwicklung von Algorithmen zur Transskription handschriftlicher Manuskripte. In verschiedenen Städten in der Schweiz und in Belgien werden die ersten Systeme für urbanes Management entwickelt, in die historische Datenbestände einfließen. Überall in Europa machen VR-Technologien mittlerweile hunderte von Orten, die verschwunden sind, wieder erfahrbar. In ihrer Gesamtheit können diese technologischen Fortschritte dazu beitragen, Europas gemeinsame Vergangenheit in eine wertvolle kulturelle und ökonomische Ressource zu verwandeln, wie es sie bislang nicht gegeben hat.

Europa hat das Internet erfunden, das heute die Matrix der neuen Welt geworden ist. Diejenigen, die als erste die Logik dieser Matrix verstanden haben, beherrschen heute die Welt. Dreißig Jahre später steht das Internet an der Schwelle zur Modellierung der historischen Tiefe kultureller Daten, mit der die digitale Information von heute schon morgen in eine erheblich umfassendere Dimension eingebettet werden wird. Die FET-Entscheidung, die jetzt am 15. Dezember 2016 ansteht, betrifft uns deshalb alle: Das „Time Machine“-Projekt kann für Europa eine digitale Technologie bereitstellen, mit der wir unsere Zukunft im Rückgriff auf unser kollektives Erbe gestalten können – und damit eine einzigartige Möglichkeit, uns selbst als Europäer neu zu definieren.